Situative Aufmerksamkeit im Supermarkt und die Basislinie

1/8/20244 min read

Situationsbewusstsein oder situative Aufmerksamkeit beinhaltet ein großes Spektrum von Wissen und Fähigkeiten. Dazu gehört unter anderem die sogenannte Basislinie, die den Normalzustand an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit definiert. Basislinien ändern sich je nach Umgebung und Uhrzeit. Zum Beispiel im Supermarkt.

Die meisten von uns bevorzugen den Supermarkt, den sie am häufigsten aufsuchen. Sei es, weil er nah am eigenen Zuhause ist, weil er die günstigsten Angebote hat oder sein Angebot alles beinhaltet, was wir benötigen. Vielleicht gibt es den einen oder anderen Alternativ-Supermarkt, aber in der Regel belassen wir es bei unserer ersten Wahl. Ich bin da keine Ausnahme. Ich selbst habe drei Märkte in der engeren Auswahl, aber der von mir favorisierte, ist der, der meiner Wohnung am nächsten liegt.

Da ich fast immer zur gleichen Zeit und an den gleichen Tage einkaufen gehe, ist es nicht schwer, hierfür eine Basislinie zu erstellen. Bei mir ist das meistens Dienstags zwischen 11 und 12 Uhr. Ich weiss, wie voll der Parkplatz ist, ich weiss, wie gut der Markt besucht ist, ich weiss welches Klientel dort um diese Zeit einkauft (i.d.R. ältere Menschen, Schüler, die gerade große Pause haben, oder Handwerker, die sich ihr warmes Frühstück holen). Das ist der Normalzustand an diesem Ort zu dieser Uhrzeit. Würde ich abends um 18 Uhr einkaufen, sähe die Basislinie anders aus. Mehr Kunden, vollerer Parkplatz, andere Kundschaft. Abhängig von der Jahreszeit würden auch andere Lichtverhältnisse vorherrschen. All das beeinflusst die Basislinie, obwohl es sich um denselben Ort handelt.

Als neulich jemand von der Basislinie abwich

Als ich kürzlich zu meiner gewohnten Zeit auf den Parkplatz eben jenes Supermarktes fuhr, fiel mir sofort ein junger Mann auf, der nicht so recht ins Bild passte. Es war ein junger Mann, etwa Anfang 20, trug Jeans und ein rotes Sweatshirt und hatte einen markanten kurz gehaltenen Irokesenschnitt. Der junge Mann trieb sich nahe des eng gehaltenen grünen Seitenstreifens auf, der Weg auf den Parkplatz säumte. Das alles ist noch nicht besonders auffallend oder gar Besorgnis erregend. Was mich aber stutzig machte, war sein Verhalten.

Er tigerte den Seitenstreifen auf und ab und hielt eine Bierflasche in der Hand. Aufgrund seiner äußeren Erscheinung war ich mir sicher, dass er nicht zu der Gruppe von Trinkern gehörte, die sich neben dem Eingang zum Getränkemarkt niedergelassen und diesen zu ihrem Ankerpunkt erklärt hatten. Diese Männer waren älter, schlecht gekleidet mit mangelhafter Hygiene. Davon abgesehen, waren sie völlig harmlos. Sie kümmerten sich nur um sich selbst und belästigten niemanden. Diese äußeren Parameter trafen auf den jungen Mann nicht zu, denn er war deutlich jünger und besser gekleidet. Warum haben bei mir dann die Alarmglocken geschrillt? Was war es, das meine Aufmerksamkeit erregt hat?

Es war die Kombination. Er wich von der üblichen Kundschaft ab, die dort um diese Zeit zu finden ist. Er war definitiv kein Schüler, dafür war er zu alt und so häufig kann man gar nicht sitzen bleiben, um in diesem Alter noch die Schulbank zu drücken. Vielleicht Berufsschule ? Wäre möglich. Er war auch kein Handwerker. Er trug keine Arbeitskleidung oder Arbeitsschuhe (was die dort üblicherweise einkaufenden Handwerker tragen). Auch der Ort, an dem er sich aufhielt war seltsam. Er schien auf niemanden zu warten und hatte auch keine Einkaufstaschen. Er lief unruhig hin und her, an einer Stelle, an der sonst niemand vorbeiläuft. Soweit so gut – auffällig, aber keines Wegs irgendwie bedrohlich oder abstrus.

Wenn da nicht die Flasche Bier gewesen wäre. Ein junger Mann an diesem Ort zu dieser Zeit mit einer Flasche Bier? Manch ein Handwerkerfrühstück mag wohl auch das eine oder andere Bier enthalten, aber wie schon erwähnt, gehörte dieser Junge nicht zu diesem Personenkreis. Also hatten wir hier eine definitive Abweichung von der Basislinie und das alles konnte ich in den fünf Sekunden wahrnehmen, die ich benötigte, um mir einen Parkplatz zu suchen.

Der Umgang mit Abweichungen.

Jede Bedrohung ist eine Abweichung von der Basislinie. Allerdings sind nicht alle Abweichungen gleich eine Bedrohung. Abweichung sollten aber zumindest unsere Aufmerksamkeit erregen. Wir sollten sie bewusst wahrnehmen und nicht einfach ignorieren. Wie geht man aber mit solchen Abweichungen um? Wie bin ich mit der Situation umgegangen? Ich habe einfach das getan, was ich dort immer tue. Ich stellte mein Auto ab und besorgte mir einen Einkaufswagen. Auf dem Weg dorthin warf mir der junge Mann einen Blick zu. Ich erwiderte kurz den Blick und ging einfach weiter. Damit gab ich ihm zu verstehen, dass ich ihn wahrgenommen habe und dass ich keine Bedrohung für ihn bin. Ich erledigte meine Einkäufe. Als ich den Supermarkt wieder verließ, schaute ich mich kurz um, ob die Person noch da war, doch er war bereits verschwunden.

Hat es mir geholfen?

Da bin ich mir sicher (Wortwitz verstanden?). War dieser Mensch, diese Abweichung eine Bedrohung?. Keine Ahnung, dazu fehlten mir die Anzeichen bzw. Informationen. Das Beobachten und Wahrnehmen ist eine Sache. Das Bewerten eine andere. Was ich aber weiss, ist, dass gesetzt den Fall, die Person auf mich zugekommen wäre, es mich nicht überrascht oder überrumpelt hätte. Gleichgültig, was seine Absichten gewesen wären. Er hätte auf Krawall gebürstet sein können, was möglicherweise dem Alkohol geschuldet sein könnte. Oder ich habe ihm irgendeinen abstrusen Grund geliefert, der ihn denken ließ, ich sei ein geeignetes Opfer für ein Interview. Vielleicht hätte er mich auch einfach nur um Kleingeld angebettelt. So oder so – er hätte vermutlich etwas gewollt, von dem ich nicht bereit war, es ihm zu geben. Ich war vorbereitet.

Fazit

Hat mich das Erkennen dieser Abweichung Anstrengung gekostet? Nein. Hat es mir Angst gemacht oder mich in Panik versetzt? Nein. Hat es auf irgendeine Weise meinen Lifestyle eingeschränkt? Nein. Das sind die häufigsten Antworten und Einwände, die ich höre, wenn ich über die Wichtigkeit und Notwendigkeit von Situationsbewusstsein oder situativer Aufmerksamkeit spreche. Das Wissen und die notwendigen Fähigkeiten müssen natürlich erlernt und geübt werden. Aus regelmäßigem Üben wird nach und nach Gewöhnung. Gewöhnung wird zur Gewohnheit – und Gewohnheiten benötigen keine Anstrengung mehr. So sollte situative Aufmerksamkeit ablaufen – im Hintergrund, wie die Firewall auf deinem Computer, die deinen Rechner vor Viren und unliebsamer Malware schützt.

Bleib sicher!